Lilith – Suche und Sucht nach Identifikation?

Was ist Lilith bzw. was sind die ihr in vielen Deutungen zugeschriebenen Eigenschaften? Sind sie ein Hinweis auf das Bedürfnis vieler Astrologen, mystisch anmutende, bedeutungsschwangere Texte zu produzieren, die hauptsächlich Klientinnen anziehen? Oder Menschen, die auf der Suche nach sich selbst sind? Was treibt Menschen, sich unbedingt mit etwas identifizieren zu wollen und seien es ideologisch überfrachtete Deutungstexte oder die favorisierte Fußballmannschaft?

Was ist denn eine Identifikation und was ist Identität? Die Antwort, bezogen auf ein Horoskop: Die Identität findet sich am IC, am tiefsten Punkt des Horoskops, dem Punkt, von dem in der Transpersonalen Astrologie gesagt wird, er symbolisiere das gesamte emotional-seelische Potential einer Person, den seelischen Urgrund. Identifikationen hingegen sind eine Angelegenheit Plutos: Da, wo etwas unvollständig ist, steckt meist Pluto dahinter. Pluto ist die Prothese, etwas, das Unvollständiges ersetzen soll, nicht selten ist er auch „die Schablone“, in die mann/frau sich selbst pressen. Was bedeutet das im Hinblick auf Identifikation und Identität? Identifikationen können betrachtet werden als der Versuch, eine fehlende, beschädigte oder nicht bewusste Identität zu ersetzen, als Hunger nach seelisch-emotionaler Vollständigkeit.

Wie kann man sich vom Bedürfnis, sich mit etwas identifizieren zu wollen, zumindest ansatzweise befreien? Und was ist Lilith, wenn man sie vom mythischen und ideologischen Deutungsballast befreit?

Betrachten wir nun den Mond auf seiner Reise um die Erde und denken wir uns die Erde in alter geozentrischer Tradition als den Mittelpunkt des Horoskops und damit als Verkörperung des Individuums selbst, über welchem sich der Himmel mit seinen Gestirnen aufspannt. Wenn nun der Mond am Punkt seiner maximalen Distanz von der Erde angekommen ist, bedeutet dies, dass er sich am weitesten von der Subjektivität der Erfahrung entfernt hat: die Kraft der Identifikation mit der Welt, die einen umgibt, ist hier am schwächsten (Anm.: Mond Konjunktion Lilith). Lilith steht so gesehen für die Chance im Menschen, die Abhängigkeit von der Identifikation mit der individuellen Wirklichkeit zu überwinden. Ihre Stellung in den Häusern würde uns dann Einblicke in jene Lebensbereiche gewähren, die uns diese Erfahrung am besten vermitteln. Aspekte von Planeten zu Lilith zeigen Kräfte, die uns auf dem Weg zu wachsender Befreiung von Identifikation behilflich oder hinderlich sein können. Besonders bedeutsam hingegen sind Aspekte zwischen Lilith und Mond, da sie zeigen, wie stark in einem Menschen überhaupt der Drang ist, sich von seinen rein persönlichen Belangen zu trennen und eine höhere Warte einzunehmen. Generell gilt: Je näher der Mond an Lilith, umso leichter fällt es, sich von Identifizierung zu lösen.

Quelle: Christopher Weidner, Keine Gnade für Lilith, S. 10, https://www.yumpu.com/de/document/read/19847962/keine-gnade-fur-lilith

Um diesen Text von Weidner zu verstehen, ist es hilfreich zu wissen, wie der Mond in der Transpersonalen Astrologie (TPA) gedeutet wird: Der Mond ist in diesem Modell der Zugang zur Welt bzw. zur Realität, er ist zuständig für die Wahrnehmung dieser. Wenn man sich bewusst macht, wie unendlich vielen Reizen Menschen in jedem Moment ausgesetzt sind, dann wird deutlich, wie wichtig es ist, die Vielzahl dieser Eindrücke zu filtern. Nähme man jeden Reiz gleichrangig war, drehte man durch, weil es zu viele Eindrücke sind, zumindest zu viele, um sie angemessen verarbeiten zu können. Der Ausschnitt aus der Realität, der den „Filter“ Mond passiert, ist ein Teil der persönlichen Wirklichkeit bzw. das Material, aus dem die persönliche Wirklichkeit konstruiert wird (s.a. Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?). Der Mond bzw. das, was er aus der Realität ausfiltert, ist so gesehen also etwas zutiefst Subjektives. Weidners Hypothese ist: Je näher der Mond der Erde ist, desto schwerer fällt es dem Individuum, zumindest zeitweise aus dieser Subjektivität herauszutreten und für einen Moment lang die Dinge so zu sehen, wie sie sind und nicht, wie man sie sich „zusammenreimt“ im Sinne einer Konstruktion der Wirklichkeit. Die Erdnähe des Mondes stellt sich im Horoskop als eine Mond/Lilith-Opposition dar. Die Erdferne hingegen ist angezeigt durch eine Mond/Lilith-Konjunktion. So betrachtet wundert es nicht, dass viele Lilith-Deutungen kaum von denen Plutos (Identifikationen) zu unterscheiden sind, wenn man Lilith wie beispielsweise C. Weidner in seinem Artikel betrachtet. Vielleicht ist es eine „steile“ These, dennoch vermute ich, dass die vielen Bücher über das, was Lilith im Horoskop sei, eher Zeugnis für das Bedürfnis der Autoren sind, ihre Identität zu finden oder zu vervollständigen als alles andere. Dass diese Deutungen auf fruchtbaren Boden bei denjenigen fallen, die ebenfalls hungernde Suchende sind, ist in der Folge nicht sehr überraschend, aber bedauerlich, da damit die Sucht, sich identifizieren zu wollen, mehr befeuert als gemindert wird. Geht man aber von Weidners Ansatz aus, ist Lilith das Gegenteil von all dem.

Ein prominentes Beispiel für eine Mond/Lilith-Konjunktion im Horoskop ist der Dalai Lama XIV:

Die Mond/Lilith-Konjunktion befindet sich in Haus 3. Gemäß der These Weidners ist der Dalai Lama demnach in der Lage, sich intellektuell oder auch über Kommunikation – im weitesten Sinne – von seinen Identifikationen zu befreien und damit aus seiner Wirklichkeit heraustreten zu können in die Realität: Er kann die Dinge sehen, wie sie sind.

Uranus – genial oder bekloppt?

“Eruption” – (c) Gerhard Miller 2012

Unser Geburtshoroskop vergleiche ich gern mit einem Erz aus dem Bergwerk. Ein solcher Brocken enthält die verschiedensten Substanzen in unterschiedlichen Bestandteilen. Das Reine ist selten, wie zum Beispiel gediegenes Silber. Genauso selten wie 5-Sterne-Uranier, die ich im Folgenden beschreiben möchte. Ich verstehe darunter Personen, in deren Radix der Planet Uranus die großen Lichter und/oder Saturn aspektiert und zugleich eine dominierende Stellung einnimmt. Was das ist, das mag man definieren wie man will oder in welcher astrologischen Schule man ausgebildet wurde. Ich wurde klassisch ausgebildet, also in der ersten Hälfte eines Eckhauses.


Diese Uranier sind wild, grell und außergewöhnlich freiheitsliebend. Sind sie gezwungen auch nur einen Zentimeter ihres Eigensinns aufzugeben, dann ist das für sie bereits Verrat. Deshalb ist das Erlernen sozialer Codes – was im Ergebnis Sozialisierung bedeutet – für sie eine Zumutung. Sie revoltieren dagegen (im Extremfall als „unbeschulbare Kinder”), weil sie in Belehrungen ständige Verbiegungsversuche ihres authentischen Charakters erkennen oder zu erkennen glauben.


Im Erwachsenenalter hängt es von ihrer charakterlichen Reife ab, wie sie mit ihrer Außenseiterstellung umgehen. Aus dem buddhistischen Blickwinkel der Unbewusstheit “ist die Gesellschaft immer schuld.” Auf einer höheren Stufe haben sie sich selbst hinterfragt und können – vielleicht als Komödiant – sich und die Gesellschaft auf die Schippe nehmen. (Martina Hill, Monika Gruber und Anke Engelke haben starke Sonne-Uranus-Aspekte in ihren Geburtshoroskopen.)

Die bürgerliche Gesellschaft hält sich diese Genies als Hofnarren, welche ihr den Spiegel vorhalten dürfen, wie ungesund es ist Gefühle in einem grauen Mittelband unauffälliger Regungen abzuspulen.

Sehr starke uranische Energie verträgt sich sehr schlecht mit körperlichen Prozessen, von welchen die meisten sehr langsam ablaufen, wie zum Beispiel Verdauung oder Zellteilung, besonders weil diese Energie ruckartig einschlägt. Um den eigenen Geistvater Uranus zu überleben sind lange Erholungspausen anzuraten, damit das Gefühl, jeden Moment könne der innere Sicherungskasten durchbrennen, nicht zu einer bedrohlichen Schreckerfahrung wird. Uranus schickt uns die schnellste und machtvollste Geistenergie des Universums:

“Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.”

(c) Gerhard Miller 2012


Seine rasante Informationsübertragung und der abrupt hereinbrechende Reichtum an Ideen bei Klarheit des Geistes kann nicht nur zu einer Überforderung des eigenen Systems, sondern auch der Umgebung führen: sich überschlagende Geschwätzigkeit, ohne Punkt und Komma, unsortiert, bei katastrophaler Grammatik und amüsanten Wortschöpfungen.

Muss ich das Überlegenheitsgefühl eines 5-Sterne-Uraniers besonders erwähnen? Wohl kaum! Bestes aktuelles Beispiel: Präsident Donald Trump (Sonne Konjunktion Uranus).

5-Sterne-Uranier zu halten kann anstrengender sein als eine Horde neugieriger Waschbären. Es kann sein, dass man nach dem Besuch das Zimmer neu streichen muss.

Wie mit all dem umgehen? Wenn der Kopf raucht muss Erdung her: runter in den Keller, die eigenen Gold- und Silberbestände anfassen, dann Gartenarbeit und abends kuscheln wenn die Kinder im Bett sind. Beruflich Termine ausdünnen, soweit das möglich ist und den überanstrengten Geist in der freien Natur belüften.

Herzlichen Dank fürs Lesen und gutes Gelingen!

Kurzvita: Gerhard Miller (Jahrgang 1956) ist Schüler von Peter Niehenke und Eileen Nauman. Er lebt als Astro-Rentner in einer Chaos-WG in der Darmstädter City.

Karma-Astrologie Part II

Kommen wir zur Begriffsklärung, die in Part I etwas kurz gekommen ist.

Wörtlich übersetzt bedeutet Karma “Tat/Handlung”. Kurz angerissen wurde auch die Bedeutung der Motivation von Handlungen für das Karma. Verkürzt könnte man sagen, dass sich im Karma die Konsequenzen der eigenen Taten ausdrücken bzw. die Tatsache, dass es so etwas wie Karma gibt, diese erst hervorbringen. Und zwar im “Guten” wie im weniger Guten. Es lohnt sich, das genauer zu betrachten und daraus dann Rückschlüsse auf die Sinnhaftigkeit einer Astrologie zu ziehen, die vorgibt, Taten aus vergangenen Leben erkennen und beurteilen zu können.

Nehmen wir an, jemand ist eher ängstlicher Natur und sorgt sich vor allem darum, was andere über ihn denken. Er tut das, um gemocht zu werden, gut dazustehen, beäugt sich selbst kritisch und spricht innerlich viele Urteile über sich. Das hat zur Folge, dass er sich nicht vollwertig wähnt und im Laufe der Jahre gewöhnt er sich daran, seine Taten etwas zu schmücken, um sie aufzuwerten. Er schwindelt ein bisschen.

Doch früher oder später wird das kompliziert, weil man sich ja merken muss, was man wem an aufgerüschten Geschichten erzählt hat. So wird man entweder sehr wortkarg, um sich nicht zu verplappern oder aber erzählt sich und anderen Geschichten, die mehr oder weniger identisch sind. Oder man erfindet neue Geschichten, um zu kaschieren, dass man schon vorher bissel geschwindelt hat. Und so zieht derjenige das Netz um sich selbst immer fester und enger, verliert den Bezug zu den tatsächlichen Geschehnissen und lebt in einer erzählten und gedachten Welt. Das ist die Auswirkung, die Folge. Die Saat war die Angst und Sorge, nicht gut angesehen zu sein und sich daher ein wenig aufzuwerten. Als heutige Folge ist da die Sorge, enttarnt zu werden. Das Denken und das Handeln werden davon bestimmt.

Ändern kann man das Gewesene nicht. Was man tun kann, ist erkennen und dann neue Wege beschreiten. Das erfordert Mut und vor allem Übung in der ungewohnten Sicht- und Handlungsweise. Als weniger hilfreich hat sich in vielen Fällen erwiesen, weiterhin im Kreislauf der Urteile über sich selbst zu verharren, gedanklich bei Dingen zu bleiben, an denen nichts mehr zu ändern ist.

Das Gute an dieser „Diagnose“: So etwas hat man erlebt, es ist einem nahe. Man weiß, dass man geschwindelt hat, man kennt die Folgen und kann lernen, ohne diese Verschönerungen auszukommen. Man kann aber natürlich auch zum Karma-Astrologen gehen, der konstatiert, dass man einen rückläufigen Merkur in Konjunktion zum rückläufigen Neptun in Haus 3 und schon in vielen Leben Nachbarn und Geschwister beschwindelt hat.

Da kann man dann vermutlich nur noch einen Drehschwindel bekommen… Denn überprüfbar ist eine solche Aussage nicht. Eher zementiert sie das bisherige Verhalten als etwas Schicksalhaftes oder esoterisch-moderner ausgedrückt als „karmisch“ Bedingtes. Ob das hilft, Konditionierungen zu erkennen, sei dahingestellt. Zudem wird meines Wissens nie erwähnt, dass Karma Umstände „braucht“, unter denen es zur „Reife“ gelangt. Gibt es diese Umstände nicht, dann braucht man sich den Kopf über den rückläufigen Merkur in Konjunktion zum Neptun in Haus 3 oder nicht vorhandene Geschwister auch nicht zu zerbrechen.