Psychisch krank: Am Arsch?

assWer sich schon einmal in einer persönlichen Krise befand und therapeutische Hilfe suchte, wird wissen, weshalb ich diese Überschrift wählte.

Wer so dumm ist, ernsthafte Probleme zu bekommen wie Ängste, depressive Phasen oder andere Unzulänglichkeiten wie einen Burnout, hat tatsächlich die berühmte „A****-Karte“ gezogen. Zusätzlich zur eh schon belastenden persönlichen Situation gesellen sich weitere Probleme. Es gibt viel zu wenig niedergelassene Psychtherapeuten. In manchen Regionen besteht kaum eine Auswahl an Anbietern und die Wartezeiten sind lang, zum Teil bis zu 6 Monaten und mehr. In Ballungsräumen sieht es etwas besser, aber bei Weitem nicht zufriedenstellend aus. Die Suche nach einem Therapeuten, der einen annimmt und auch behandelt, ist frustrierend: Auf Emails wird teilweise gar nicht geantwortet. Die Möglichkeit einer telefonischen Terminvereinbarung ist oft auf eine halbe Stunde pro Woche begrenzt – und die Leitung dann meist dauerbesetzt. Viele Menschen geben irgendwann auf und bleiben ohne Hilfe.

Auch die Praxen der Psychiater sind überlaufen, in vielen werden neue Patienten nicht mehr angenommen. Man und frau müssen schon einigermaßen erfinderisch sein und genug Kräfte mobilisieren können, um sich trotzdem Zulass zu verschaffen. Manche sind aber in einem gesundheitlichen und seelischen Zustand, der so etwas nicht zulässt. Hat man es dann wider Erwarten geschafft, ist es nicht selten, dass man mit Medikamenten abgespeist werden soll. Vorzugsweise handelt es sich dabei um Antidepressiva (denen ich noch einen eigenen Artikel widmen werde). Wer das nicht möchte, steht schnell als Querulant da oder sieht sich einem andauernden Druck ausgesetzt, diese Medikamente zu nehmen.

Haben man und frau es endlich geschafft, einen Termin bei einem Psychotherapeuten zu bekommen, wird es schon wieder spaßig. Wer einen Termin nicht wahrnehmen kann, darf die ausgefallenen Stunden in vielen Fällen aus eigener Tasche bezahlen. Das ist sehr gesundheitsförderlich: Das sowieso schon schmale Krankengeld, das viele Menschen in dieser Situation beziehen, wird durch Kosten für Fahrten und die Barzahlung für eine versäumte Therapiestunde zusätzlich gemindert. Zur seelischen Not kommt Existenznot. Zwar lassen viele Therapeuten je nach Begründung mit sich reden, aber vertraglich wird diese Barzahlung erst einmal vereinbart.

Die nächste Hürde sind Fragebögen. Drei bis vier werden zu Beginn einer Therapie ausgegeben und sollen lückenlos beantwortet werden. Auch dann, wenn die Frage in keinster Weise zur eigenen Situation passt noch einigermaßen realistisch darüber Auskunft gibt, da diese Fragenbögen so gut wie immer nur vorgegebene Antwortmöglichkeiten enthalten. Es ist sehr begrüßenswert, dass das aktuelle Befinden eines Patienten so gut wie möglich erfasst wird. Der Nachteil dieser Bögen ist: Sie pressen die Hilfesuchenden in ein Schema. Und oft ist gerade dieses Eingebundensein in alle möglichen Schemata einer der Gründe für die persönliche Krise. Mir fallen da bespielsweise Bewertungsbögen in Firmen zur Leistungserfassung ein, „Feedbackbögen“ und andere Instrumente der personenbezogenen „Leistungserfassung“. Genau dieser Kontroll- und Bewertungswahn, dieses Dauer-Ranking, macht Menschen krank. Und auf der Suche nach Hilfe landen sie genau wieder in diesen bewertenden und messenden Strukturen. Schöne Aussichten.

Das Ganze ist übrigens steigerungsfähig. Im Klinikbereich wurden Anfang der 2000er Jahre die Fallpauschalen eingeführt. Eine Behandlung wird mit einem festen Preis versehen, der an die Diagnose gekoppelt ist. Auswüchse dieses Abrechnungssystems sind mittlerweile überall zu bewundern. Die Eingangshallen von Kliniken sehen aus wie ein Einkaufszentrum, aber am Personal wird gespart. Bisher war die Psychiatrie von diesem Wahnsinn ausgenommen. Das wird sich in absehbarer Zeit ändern. Ab 2017 wird auch den Psychiatrischen Kliniken dieses unselige System aufgedrückt. Es gibt ein wenig Schonfrist, eine Übergangsphase, aber dann wird „scharfgeschaltet“ werden. PEPP: Pauschalierendes Entgeltsystem für Psychiatrie und Psychosomatik

Ab 2017 bis 2019 ist die Umstellung budgetneutral. Es findet eine Anpassung an das bisherige Klinikbudget statt. 2019 beginnt die Konvergenzphase.

Die Folgen sind – wie auch im Bereich der körperorientierten Medizin – vorhersehbar. Patienten werden zu früh entlassen oder gar nicht behandelt werden, dann nämlich, wenn die Diagnose nicht dem Aufwand entsprechend abgerechnet werden kann, weil der Preis zu niedrig ist. Statt aufwendiger und personalintensiver Behandlungsmethoden wie Einzelgespräche oder Verhaltenstraining werden mehr Medikamente verordnet werden. Man wird Menschen in eine chemische Zwangsjacke stecken – ein Trend, der sich schon jetzt deutlich abzeichnet. Die Anzahl der Verordnungen von Psychopharmaka steigt seit Jahren beständig.

Tja, wer unter den Zumutungen des derzeit vorherrschenden Wirtschaftssystems nicht mehr „funktionieren“ kann oder will, der ist wirklich „am Arsch“.

2 Kommentare

  1. Liebe Rita,
    ein treffender Artikel zu einem hochaktuellen Thema. Wer auf Hilfe angewiesen ist, da ihm/ihr die notwendige Energie fehlt, sich in diesem System zurecht zu finden und notfalls selbst zu recherchieren, ist in vielen Fällen verloren. So kann aus einer möglicherweise „harmlosen“ Lebenskrise mithilfe von Psychopharmaka eine ernsthafte psychische Erkrankung erst entstehen.
    LG
    Denise

    • Danke, liebe Denise. Ich finde es unglaublich, welche Hürden schwer angeschlagenen Menschen in den Weg gelegt werden, was man ihnen zumutet, wenn sie aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr können.

      Den Psychopharmaka werde ich in nächster Zeit noch einen eigenen Beitrag widmen.

      Liebe Grüße
      Rita

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